Wimbledon 2013, London

zurück zur Übersicht         Last updated: 08.08.2017

Sensationsviertel - Nadal-Darcis, Federer-Stakhovsky, Wawrinka, Hewitt, Brown, Melzer, Janowicz

 

Bereits die Auslosung hatte für Aufsehen gesorgt. Gemäss der im Jahr 2002 zwischen dem All England Lawn Tennis Club und der ATP vereinbarten Berechnungsformel für die Setzliste wurde Nadal auf Rang fünf hinter dem besserklassierten Ferrer gesetzt. Der an drei gesetzte Federer und Nadal wurden in das selbe Tableauviertel gelost. Der an zwei gesetzte Murray befand sich in der selben Tableauhälfte. Auf der Gegenseite stand "nur" Djokovic von den gemeinhin als Top 4 betitelten Protagonisten.

Doch bereits am ersten Turniertag relativierte sich die Aufregung um die Auslosung. Sie wurde durch die neue Aufregung abgelöst, dass Nadal zum ersten Mal in seiner Karriere an einem Grand Slam-Turnier in der ersten Runde gescheitert war. In den 34 Teilnahmen zuvor war ihm das nie passiert. Neben Nadal scheiterte am Starttag mit Wawrinka auch der am dritthöchsten gesetzte Spieler des Tableauviertels an Altmeister Hewitt, dem Champion von 2002.

Der Montag sorgte zwar für Aufsehen, aber der jetzt schon historische Schockertag war der Mittwoch der ersten Turnierwoche! Nach neun Jahren und 36 Grand Slam-Viertelfinalteilnahmen in Folge riss diese Serie von Titelverteidiger Federer in der zweiten Runde gegen Stakhovsky. Sportliche Niederlagen mussten auch die an zwei gesetzte Sharapova sowie Wawrinka-Bezwinger Hewitt einziehen. Darüber hinaus musste das Turnier am Mittwoch sieben verletzungsbedingte Aufgaben in den Einzelkonkurrenzen hinnehmen. Das ist ein neuer Negativrekord. Die illustre Liste der Verletzten beinhaltet unter anderem Azarenka (Setzliste 2), Tsonga (6,), Cilic (10) und Isner (18), die allesamt aufgrund von Knieverletzungen vor oder während des Matches passen mussten. Bereits nach zwei Runden war das stärkste Tableauviertel um Federer und Nadal zum nominell "schwächsten" Viertel geworden und die gesamte Tableauhälfte stand für Murray offen wie ein Scheunentor.

Rafael NadalRafael NadalRafael NadalRafael NadalSteve DarcisSteve DarcisSteve DarcisOlivier Rochus
Steve Darcis (ATP 135) - Rafael Nadal (ATP 5)   7:6 7:6 6:4
Mir Gefiel die Körpersprache von Darcis. Es schien als benötige der Belgier für sein Spiel viel Kraft, um beim Aufschlag und aus dem Spiel heraus aggressiv auf die Bälle zu gehen. Dennoch wurde er nicht müde oder unkonzentriert. Der 29-jährige machte auf mich auf wie auf Bild 9 den Eindruck als wolle er sagen: „Nun gut, da sind wir also. Ich bin in einer guten Position, aber lass’ uns einfach mal weiterspielen und schauen was passiert und ich werde weiter Vollgas geben.“ Einzig bei 6:5 im ersten Satz, als Darcis nicht ausservieren konnte und beim 5:6 im zweiten Satz, als Nadal nicht ausservieren konnte, gaben sich beide eine Blösse. Darcis schaffte es unter den Augen seines Landsmanns Olivier Rochus (Bild 16) relativ unaufgeregt bis zum meistbeachteten Erfolg seiner Karriere. Einen bitteren Moment erlebte Darcis als er am Mittwoch als einer von sieben Verletzten absagen musste. Er konnte wegen einer Schulterverletzung gar nicht erst antreten.
Für Nadal war diese Niederlage ein dunkler Moment seiner Karriere. Die schwärzesten Momente seiner Karriere sind sicherlich seine langwierigen Verletzungen. Im dritten Satz der Partie gegen Darcis war eine erneute Beeinträchtigung durch Knieprobleme zu erkennen. Erst im letzten Jahr war er in der zweiten Runde von Wimbledon für den Schock des Turniers verantwortlich, als ihn Rosol in fünf Sätzen bezwingen konnte. Danach fiel der 27-jährige Spanier über ein halbes Jahr lang aus. In diesem Jahr scheiterte er bereits in der ersten Runde und in nur drei Sätzen. Die Bedenken für die bis zum Saisonende bevorstehende Hartplatzsaison sind nicht wegzureden.


Roger Federer (ATP 3)
Genau neun Jahre lang war der 31-jährige Schweizer immer mindestens im Viertelfinal jedes Grand Slam-Turniers gestanden. Doch gegen den Serve- und Volleyspieler Stakhovsky ging Federer schon in der zweiten Runde als Verlierer vom Platz. Ehegattin Mirka war bereits ganz in schwarz gekleidet zum Match erschienen. Nicht gefallen hat mir als ein frustrierter Federer im vierten Satz einen Ball voll auf den am Netz stehenden Stakhovsky abgezogen hatte. Dieser konnte sich gerade noch ducken und der Ball flog knapp am Kopf vorbei ins Aus. Alle waren etwas geschockt ab dieser Aktion und dank keinerlei Verfehlungen Federers in seinen bisherigen Jahren in Wimbledon wurde er vom Publikum dafür nicht ausgebuht.
Durch diese Niederlage fiel Federer zum ersten Mal seit dem 23. Juni 2003 wieder auf den fünften Rang in der Weltrangliste zurück. Der 23. Juni 2003 war die letzte Ausgabe der Weltrangliste vor Federers erstem Grand Slam-Titelgewinn in Wimbledon gewesen. Dass der Basler für seine Verhältnisse wieder so weit unten steht, untermauert die bisher sehr durchzogene Saison, deren Höhepunkte bis dato der Halbfinaleinzug bei den Australian Open, das Finale in Rom sowie der Titelgewinn in Halle sind.

Sergiy Stakhovsky
Jürgen Melzer (ATP 37) - Sergiy Stakhovsky (ATP 116)   6:2 2:6 7:5 6:3
Wie so viele der anderen Überraschungssieger während dieses Turnier musste sich auch Stakhovsky gleich im nächsten Match aus dem Turnier verabschieden. Gegen Melzer ging der 26-jährige Ukrainer trotz des Erfolgs über Federer als leichter Aussenseiter in die Partie. Wenn man die Trainer bei solchen grossen Erfolgen jeweils lobt, dann muss man sie an anderer Stelle auch kritisieren. Stakhovsky wird vom Youzhny-Mentor Boris Sobkin (Bild 10) betreut. Der hätte die Erfahrung um Stakhovsky zu sagen, dass er sich auf das nächste Match konzentrieren muss und am spielfreien Tag kein Interview mit der BBC im Garten seines gemieteten Hauses zu machen. Uns soll es recht sein, da wir nun wissen dass er in diesem Haus auf Bild 1 nur wenige hundert Meter von der Anlage entfernt logierte, in dem deutlich erkennbar auch einige Spanier einquartiert waren. So gestand er im Interview (copyright: wimbledon.com) nach seiner Niederlage dann auch folgendes ein:
“I think I just played stupid,” said Stakhovsky. “It would be I think the exact word of showing how I should not play Jurgen, and I should have realized that somewhere in the end of the second set. I should mix up. I should never play the same shot against Jurgen. He was returning much better today than Roger.
“I'm just a little disappointed that I got so blinded by the game I produced with Roger that I kept going with the same game I played against Jurgen, which was just not right. If I would just be a bit more smarter on that court, I could have been a winner today, I think.

“It was quite hard for me because yesterday was a busy day. Everybody wanted to chat. Everybody wanted a piece. I mean, not that I'm denying a lot, but it just takes some time and energy off. I was trying to get out of Wimbledon as soon as I could. I think I left around 4 or 5pm, but I gave a lot of interviews that day.
“Next time if I'm able to produce such a result, beating a top player on a Grand Slam or any other event, I'll be more prepared and I will know how to behave myself. Today was just a new experience for me which I was not prepared for.’’
Für Melzer war der Schlüssel, dass ihm im dritten Satz das Rebreak gelang und er kurz darauf mit 2:1-Sätzen vorlegen konnte. Dies vor den Augen seiner Ehefrau
Iveta Benesova, seinem Trainer Alexander Waske und Konditionstrainer Christian Rauscher (alle auf Bild 12). Zwei Wochen nach Wimbledon hat sich Melzer von seinem Trainerduo getrennt. Von der Ehefrau nicht.
Eine aufsehenerregende Einlage bot der Physiotherapeut bei der Behandlung Stakhovskys (Bild 7), der sich den Fuss vertreten hatte. Zwar wusste der gute Mann genau was er tat, aber es schien nicht so, als ob er grosse Rücksicht auf seinen Patienten nehmen würde. Recht rüde schlug er Stakhovsky auf die Ferse mit der Frage, ob das weh tut. Das Zusammenzucken des Ukrainers zeigte jedem, dass es weh tat! Er brachte fachmännisch den Verband an und wuschelte dem Ukrainer zum Abschluss noch etwas über den Kopf.

Lleyton HewittStanislas WawrinkaStanislas WawrinkaLleyton Hewitt, Fanatics
Lleyton Hewitt (ATP 70) - Stanislas Wawrinka (ATP 10)   6:4 7:5 6:3
Der Lausanner ist nach viereinhalb Jahren zurück in den Top 10 der Weltrangliste und hat in der Vorwoche mit dem Final in 's-Hertogenbosch erstmals in seiner Karriere einige Matches auf Rasen gewinnen können. Doch so gut seine Form auch sein mag: Rasen ist Wawrinkas schlechteste Unterlage und er trifft gleich in der ersten Runde auf den Wimbledonsieger von 2002. Verletzungsbedingt hat Hewitt während den Jahren viele Auszeiten und konzentriert sich mit seinen 32 Jahren auf die grossen Turniere. Dort hat er in den frühen Runden das Potential um grosse Namen scheitern zu lassen. Mit Fortdauer des Turniers schwindet dann aber die Gefahr, die er ausstrahlt.
Knackpunkt in dieser Partie war sicherlich der zweite Satz, den der Australier aus Adelaide ebenfalls gewinnen konnte. Er ist wohl derjenige Spieler, den wir in den Strassen von Wimbledon am meisten zu Gesicht bekommen. Hewitt mit Frau und Kindern und Coach Tony Roche sehen wir mindestens einmal pro Jahr. Allseits beliebt sind auch die australischen Fans, die Fanatics, die Jahr für Jahr nach Wimbledon pilgern (Bilder 14 und 15). Wawrinka konzentrierte sich nach dem verlorenen zweiten Satz für kurze Zeit nicht mehr auf seinen Spielplan und verlor dadurch gleich sein erstes Aufschlagspiel im dritten Satz relativ kampflos.


Dustin Brown (ATP 189) - Lleyton Hewitt (ATP 70)   6:4 6:4 6:7 6:2
Der Mittwoch wurde zum Sightseeing und Fernsehtag, da wir ohne Eintrittskarten da standen. So sahen wir die Niederlagen von Federer, Sharapova und Hewitt sowie den neuen Rekord von sieben Aufgaben an einem Tag am TV. Gar nicht erst antreten konnten Pennetta-Azarenka (Knie), De Schepper-Cilic (Knie), Kvitova-Shvedova (Arm) und Kubot-Darcis (Schulter). Während des Matches aufgeben mussten Gulbis-Tsonga (Knie), Mannarino-Isner (Knie) und Janowicz-Stepanek (Oberschenkel). Für Hewitt-Bezwinger Brown war anschliessend bei seiner ersten dritten Runde an einem Grand Slam-Turnier Endstadion.


Sergiy Stakhovsky (ATP 116) - Rogerio Dutra Silva (ATP 100)   6:4 6:0 6:4
Bei seinem Erstrundenauftritt auf Court 9 war Stakhovsky noch alles andere als ein gefragter Mann.

Jürgen MelzerJürgen MelzerFabio FogniniFabio FogniniFabio Fognini
Jürgen Melzer (ATP 37) - Fabio Fognini (ATP 30)   6:7 7:5 6:3 6:2
Melzer spielt mit Leistenbruch! Von einer Operation nach Wimbledon sieht er nun nach ersten gegenteiligen Aussagen aber ab, da dies während der Saison wenig Sinn mache. Die aktuellen Resultate geben ihm recht. Im Auftaktspiel gegen den gesetzten Fognini war er allerdings nur als leichter Favorit zu werten. Denn der Italiener spielt momentan sehr inspiriert. Ein Halbfinal in Monte Carlo und eine starke Leistung bei der Dreisatzniederlage in der dritten Runde der French Open gegen Nadal waren seine letzten Ausrufezeichen. In den beiden Wochen nach Wimbledon gewann der 26-jährige aus San Remo die Turniere von Stuttgart und Hamburg. Neben all diesen Erfolgen auf Sand war die Aufgabe auf Rasen aber eine schwierige für den Italiener. Er gewann zwar den ersten Satz und führte im zweiten Durchgang mit einem Break als wir das Match verliessen. Er verlor danach aber in vier Sätzen. Seine Rückhand setzte Fognini manchmal ins Netz, wenn er denn Ball ohne Druck zugespielt bekam. Der Absprung des Balls ist auf Rasen geringer und da er den Ball nur reinschieben wollte, brachte er nicht genügend Druck hinter den Schlag.

Jerzy JanowiczJerzy JanowiczJerzy JanowiczJürgen MelzerJürgen Melzer
Jerzy Janowicz (ATP 22) - Jürgen Melzer (ATP 37)   3:6 7:6 6:4 4:6 6:4
Nach dem Favoritensterben bis zur zweiten Runde (siehe Tableau unten) waren Janowicz und Melzer die heissesten Kandidaten, um sich in diesem Tableauviertel durchsetzen zu können. Ein erster Höhepunkt war bereits die Begrüssung zwischen Janowicz und Stuhlschiedsrichter El Jennati (Bild 1). Der Pole und der Österreicher trafen in der vierten Runde aufeinander und bekämpften sich über fünf Sätze. Der Sieger hatte gute Chancen, um anschliessend bis ins Halbfinale vorzustossen. Das sollte dem erst 22-jährigen aus Lodz auch gelingen. In seinen erst fünf Grand Slam-Auftritten bot Janowicz mit der ersten Runde an den US Open 2012, den dritten Runden in Wimbledon 2012, den Australian Open 2013 und den French Open 2013 sowie dem Halbfinal in Wimbledon 2013 sehr starke Leistungen.


Jürgen Melzer/James Blake (ATP Doppel 34/83) - John Peers/Jamie Murray (ATP Doppel 56/64)   3:6 6:3 6:4 3:6 14:12
Dass Melzer nach seinem Viersatzsieg am Freitag gegen Stakhovsky am Samstag einen Marathon im Doppel hinlegte, war sicherlich nicht geplant. Immerhin gewann er zusammen mit Blake mit 14:12 im fünften Satz und konnte so die positiven Emotionen des Sieges mitnehmen. Eine Entlastung brachte ihm der spielfreie Sonntag in Wimbledon.

 

Herren Einzel
 1. Runde  2. Runde  3. Runde  4. Runde  Viertelfinal  Halbfinal
 Steve Darcis -
 Rafael Nadal (5)
 7:6 7:6 6:4
 Lukasz Kubot -
 Steve Darcis
 
w.o.
 Lukasz Kubot -
 Benoit Paire (25)
 6:1 6:3 6:4
 Lukasz Kubot -
 Adrian Mannarino
 4:6 6:3 3:6 6:3 6:4
 Jerzy Janowicz (24) -
 Lukasz Kubot
 7:5 6:4 6:4
 Andy Murray (2) -
 Jerzy Janowicz (24)
 6:7 6:4 6:4 6:3
 John Isner (18) -
 Evgeny Donskoy
 6:1 7:6 7:6
 Adrian Mannarino -
 John Isner (18)
 1:1 ret.
 Adrian Mannarino -
 Dustin Brown (Q)
 6:4 6:2 7:5
 Dustin Brown (Q) -
 Guillermo Garcia-Lopez
 6:3 6:3 6:3
 Dustin Brown (Q) -
 Lleyton Hewitt
 6:4 6:4 6:7 6:2
 Lleyton Hewitt -
 Stanislas Wawrinka (11)
 6:4 7:5 6:3
 Jerzy Janowicz (24) -
 Kyle Edmund (W)
 6:2 6:2 6:4
 Jerzy Janowicz (24) -
 Radek Stepanek
 6:2 5:3 ret.
 Jerzy Janowicz (24) -
 Nicolas Almagro (15)
 7:6 6:3 6:4
 Jerzy Janowicz (24) -
 Jürgen Melzer
 3:6 7:6 6:4 4:6 6:4
 Jürgen Melzer -
 Fabio Fognini (30)
 6:7 7:5 6:3 6:2
 Jürgen Melzer -
 Julian Reister
 3:6 7:6 7:6 6:2
 Jürgen Melzer -
 Sergiy Stakhovsky
 6:2 2:6 7:5 6:3
 Sergiy Stakhovsky -
 Rogerio Dutra Silva
 6:4 6:0 6:4
 Sergiy Stakhovsky -
 Roger Federer (3)
 6:7 7:6 7:5 7:6
 Roger Federer (3) -
 Victor Hanescu
 6:3 6:2 6:0

 

Herren Doppel
 1. Runde  2. Runde  3. Runde  Viertelfinal
 Melzer/Blake -
 J. Murray/Peers
 3:6 6:3 6:4 3:6 14:12
 Melzer/Blake -
 Llodra/Mahut (13)
 6:4 6:0 6:1
 Melzer/Blake -
 Farah/Cabal
 6:2 6:4 6:3
 Melo/Dodig (12) -
 Melzer/Blake
 3:6 6:4 6:1 3:6 6:3

 

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