Wimbledon 2012, London

zurück zur Übersicht         Last updated: 09.10.2012

Die Favoriten - Djokovic, Nadal, Federer, Murray, Tsonga, Berdych

 

Das grosse Thema war der Schocksieg von Lukas Rosol über Rafael Nadal in der zweiten Runde. Es sieht so aus als ob jeder den grandiosen fünften Satz voll mit pfeilschnellen und aalglatten Gewinnschlägen gesehen hat und man noch jahrelang davon sprechen wird. Aber niemand war bei den ersten vier Sätzen dabei. Erst mit den langersehnten Halbfinals der Herren gab es neue Schlagzeilen über die Topspieler.

Das Nadal-Aus hatte dazu geführt, dass die heimische Hoffnung Murray nun nicht mehr wie jeweils in den vergangenen zwei Jahren im Halbfinale gegen Nadal würde ausscheiden können. Wie schon im letzten Jahr konnte Tsonga in die Halbfinals einziehen und somit in die Phalanx der Top 4 einbrechen.

Weiter hatte sich für Federer die Gegnerschaft um die Nummer 1-Position in der Weltrangliste nun einzig und allein auf Djokovic reduziert. Bis in den Oktober wird der Schweizer eine realistische Möglichkeit haben, die fehlende Woche zur Egalisierung von Sampras' 286-Wochen-Rekord und eine weitere Woche bis zur alleinigen Übernahme des Rekords der längsten Anzahl Wochen an der Weltranglistenspitze zu erreichen. Die erste Chance dazu bietet sich ihm bereits mit einem Turniersieg in Wimbledon. Die Chance auf die Nummer 1 könnte die Schweiz die Davis Cup-Teilnahme von Federer in der Relegation im September in den Niederlanden auf Sand kosten. Er wird wohl kurz danach die gut dotierten Turniere in Asien spielen wollen um sich so die Chance auf möglichst viele Punkte zu wahren.

Sämtliche oben genannte Turnierplanung im Herbst kann bereits wieder über den Haufen geworfen werden. Denn Federer hat seinen siebten Wimbledontitel gewonnen und die Weltranglistenspitze erklommen. Damit sichert er sich bereits jetzt den Rekord als derjenige, der den Tennisthron über die längste Zeit inne hatte. Nun kann er tun und lassen was er will. Er ist der Beste aller Zeiten. Das Einzel-Gold bei Olympia in vier Wochen wäre noch die absolute Krönung.

Herren Einzel
 1. Runde  2. Runde  3. Runde  4. Runde  Viertelfinal  Halbfinal  Final
 Novak Djokovic (1) -
 Juan Carlos Ferrero
 6:3 6:3 6:1
 Novak Djokovic (1) -
 Ryan Harrison
 6:4 6:4 6:4
 Novak Djokovic (1) -
 Radek Stepanek (28)
 4:6 6:2 6:2 6:2
 Novak Djokovic (1) -
 Viktor Troicki
 6:3 6:1 6:3
 Novak Djokovic (1) -
 Florian Mayer (31)
 6:4 6:1 6:4
 Roger Federer (3) -
 Novak Djokovic (1)
 6:3 3:6 6:4 6:3
 Roger Federer (3) -
 Andy Murray (4)
 4:6 7:5 6:3 6:4
 Radek Stepanek (28) -
 Sergiy Stakhovsky
 6:1 1:0 ret.
 Radek Stepanek (28) -
 Benjamin Becker
 6:2 7:6 6:3
 Ernests Gulbis -
 Tomas Berdych (6)
 7:6 7:6 7:6
 Jerzy Janowicz (Q) -
 Ernests Gulbis
 2:6 6:4 3:6 7:6 9:7
 
 Roger Federer (3) -
 Albert Ramos
 6:1 6:1 6:1
 Roger Federer (3) -
 Fabio Fognini
 6:1 6:3 6:2
 Roger Federer (3) -
 Julien Benneteau (29)
 4:6 6:7 6:2 7:6 6:1
 Roger Federer (3) -
 Xavier Malisse
 7:6 6:1 4:6 6:3
 Roger Federer (3) -
 Mikhail Youzhny (26)
 6:1 6:2 6:2
 Julien Benneteau (29) -
 Daniel Gimeno-Traver
 4:6 6:3 6:0 6:0
 
 Janko Tipsarevic (8) -
 David Nalbandian
 6:4 7:6 6:2
 
 Andy Murray (4) -
 Nikolay Davydenko
 6:1 6:1 6:4
 Andy Murray (4) -
 Ivo Karlovic
 7:5 6:7 6:2 7:6
 Andy Murray (4) -
 Marcos Baghdatis
 7:5 3:6 7:5 6:1
 Andy Murray (4) -
 Marin Cilic (16)
 7:5 6:2 6:3
 Andy Murray (4) -
 David Ferrer (7)
 6:7 7:6 6:4 7:6
 Andy Murray (4) -
 Jo-Wilfried Tsonga (5)
 6:3 6:4 3:6 7:5
 Jo-Wilfried Tsonga (5) -
 Lleyton Hewitt (W)
 6:3 6:4 6:4
 Jo-Wilfried Tsonga (5) -
 Guillermo Garcia-Lopez
 6:7 6:4 6:1 6:3
 Jo-Wilfried Tsonga (5) -
 Lukas Lacko
 6:4 6:3 6:3
 Jo-Wilfried Tsonga (5) -
 Mardy Fish (10)
 4:6 7:6 6:4 6:4
 Jo-Wilfried Tsonga (5) -
 Philipp Kohlschreiber (27)
 7:6 4:6 7:6 6:2
 Rafael Nadal (2) -
 Thomaz Bellucci
 7:6 6:2 6:3
 Lukas Rosol -
 Rafael Nadal (2)
 6:7 6:4 6:4 2:6 6:4
 

Novak Djokovic, Dusan VemicNovak DjokovicDavid NalbandianJuan Carlos Ferrero
Novak Djokovic (ATP 1), Juan Carlos Ferrero (ATP 38), David Nalbandian (ATP 40)
Djokovic geniesst es ab und zu auf einem für die Zuschauer zugänglichen Platz zu trainieren. Es muss nicht immer einer der abgeschotteten Plätze sein. Den Trick, dass er nach den Überkopfbällen den Ball des letzten Lobs in seiner Hosentasche fängt (Bild 6), den kannte ich schon aus Monte Carlo.
Nach ihm hatten Nalbandian und sein heutiger Gegner Ferrero den Court 11 gebucht. Zwar grüssten sich Djokovic und Ferrero, aber so kurz vor dem Match bleibt das ausgiebige Gespräch natürlich aus. Dafür schäkerte der Weltranglistenerste mit Nalbandian. Der 30-jährige Argentinier aus Cordoba kann etwas gute Publicity durchaus gebrauchen. Als Finalist von 2002 hat er an Wimbledon zwar gute Erinnerungen. Nach seinem Aussetzer im Finalspiel beim ATP-Turnier im Queen's Club in London vor Wochenfrist ist er aber beinahe zur Persona non Grata verkommen. Er hatte nach einem verlorenen Ballwechsel voll in die Holzabdeckung vor dem Linienrichter gekickt und diesem damit eine blutende Wunde am Schienbein zugefügt. Daraufhin wurde er umgehend disqualifiziert.

Novak Djokovic
Novak Djokovic (ATP 1) - Juan Carlos Ferrero (ATP 38)
Traditionell darf der Titelverteidiger bei den Herren das Turnier auf dem jungfräulichen Rasen des Centre Courts eröffnen. Dieses spezielle Szenario hatte ich noch nie mitverfolgt. In diesem Jahr aber starteten die Matches auf den Aussenplätzen eine halbe Stunde früher. So begannen die Partien auf den Aussenplätzen um 11:30 Uhr und dasjenige auf dem Centre Court weiterhin erst um 13:00 Uhr. Dadurch hatte ich endlich genügend Zeit, um mir einiges an Tennis auf einem Aussenplatz anzusehen und dann immer noch rechtzeitig auf dem Hauptplatz zu einzutreffen. Der serbische Titelverteidiger hatte sich einen kleinen Scherz mit einem Golfschläger erlaubt (Bild 2), den er zuerst anstelle eines Tennisrackets zückte. Der Rückhandslice von Djokovic ist ausserordentlich gut gespielt und der Ball bleibt in seiner Flugbahn auffallend tief. Das stellt speziell auf Rasen eine starke Waffe dar.

Nicole Vaidisova
Novak Djokovic (ATP 1) - Radek Stepanek (ATP 27)
Am Freitagmittag war dies das erste Match auf dem Centre Court nach dem Ausscheiden von Nadal am Vorabend. Nachdem er seine Schuhe wie verlangt von rot/blau auf weiss gewechselt hatte (Bilder 1-2), schnappte sich Stepanek etwas unverdient den ersten Satz und jeder hielt eine weitere Sensation für möglich. Schnell relativierten sich die Verhältnisse dann aber und nahmen gewohnte Bahnen an. Es bleibt aber anzumerken, dass sowohl Nadal-Bezwinger Rosol, Satzgewinner Stepanek gegen Djokovic als später am Abend auch Benneteau, der Federer über fünf Sätze zwang, allesamt ein gutes Volleyspiel gemeinsam haben und dieses auch praktizierten. Es ist beinahe unmöglich, einen Djokovic, Nadal oder Federer von der Grundlinie aus zu besiegen. Der Weg nach vorne bietet gerade in Wimbledon höhere Erfolgschancen für die Herausforderer.


Rafael Nadal (ATP 2) - Thomaz Bellucci (ATP 80)
Wer findet Bellucci auf Bild 1? - Genau, er spiegelt sich im Fenster bei seinem Einsatz im Doppel mit Carsten Ball auf Court 15 wieder. Auf dem Centre Court gegen Nadal legte der Brasilianer dann einen Blitzstart hin. Er spielte sehr riskant und führte schnell mit 4:0, ehe Nadal die Partie in den Griff bekam.
Riskant spielte auch
Rosol, der Nadal in der darauffolgenden Runde besiegte. Mit dem 1:0 im fünften Satz gelang dem Tschechen das entscheidende Break. Der 26-jährige aus Brünn hatte bis zur zweiten Runde in Wimbledon auf ATP-Level lediglich 19 Siege errungen und 32 Niederlagen kassiert. Im fünften Satz schien aber praktisch jeder seiner schnörkellosen Schläge ein Winner zu sein. Die Statistik verdeutlicht diesen phänomenalen Satzgewinn:

Statistik des fünften Satzes Rosol Nadal
Asse 7 3
Erste Aufschläge in Feld 19 von 23 (83%) 20 von 26 (77%)
Gewonnene Punkte nach erstem Aufschlag 18 von 19 (95%) 14 von 20 (70%)
Gewonnene Punkte nach zweitem Aufschlag 2 von 4 (50%) 4 von 6 (67%)
Gewinnschläge 20 5
Unerzwungene Fehler 2 2
Gewonnene Punkte 28 21

Fazit: Ein Satz nahezu ohne unerzwungene Fehler beider Spieler. Rosol gewann 20 seiner 28 Punkte mit direkten Gewinnschlägen.
In der nächsten Runde unterlag er Kohlschreiber auf Court 12 aber ohne einen Satzgewinn.


Roger Federer (ATP 3) - Julien Benneteau (ATP 32)
Immer noch mit dem Nadal-Aus vom Vortag im Hinterkopf verfolgten alle Zuschauer gebannt, wie sich Federer aus einer 0:2-Satzrücklage zu befreien versuchte. Im vierten Satz wurde es zunehmend gefährlich für den 30-jährigen Schweizer, da er bei 2:2 trotz eines 0:40-Vorsprungs drei Breakchancen verstreichen liess. Er verhielt sich in dieser Situation zu passiv und wartete hauptsächlich auf den Fehler Benneteau's, der ihm diesen Gefallen nicht tat. Der Franzose war im vierten Satz nur zwei Punkte vom Matchgewinn entfernt, verlor den Durchgang aber schliesslich im Tie-Break. Der fünfte Satz verlief dann klar zu Gunsten Federers. So hat der Schweizer im Einzel die Chance noch weitere Handtücher einzupacken, während es für Benneteau das Letzte für dieses Jahr war (Bild 6).


Andy Murray (ATP 4) - Nikolay Davydenko (ATP 47)
Mit der siebten Erstrundenniederlage im elften Jahr ist Wimbledon das klar schwächste Grand Slam-Turnier für Davydenko. Die Siegchancen gegen Murray waren aus Sicht des Russen deshalb schon im Vornherein gleich Null gewesen. Spielt Murray offensiv, so ist sein Spiel sehr unterhaltsam. Oftmals verhält sich der Schotte aber passiv. In Wimbledon auf Rasen kann er sich diese defensive Spielweise glücklicherweise nicht leisten.

Jo-Wilfried Tsonga
Jo-Wilfried Tsonga (ATP 6)
London ist ein gutes Pflaster für Tsonga. Vor Jahresfrist gewann er das ATP-Rasenturnier im Queen's Club. In Wimbledon schlug er Federer und zog in die Halbfinals ein. Bei den ATP World Tour Finals im November musste er sich dem Schweizer erst im Finale geschlagen geben.

Ernests Gulbis
Ernests Gulbis (ATP 87) - Tomas Berdych (ATP 7)
Was für eine Verschwendung von Talent. Dieser Ernests Gulbis könnte so viel erreichen, wenn er nicht schon von einer sehr wohlhabenden Familie stammen würde und deshalb viel zu gleichgültig agiert. Auf dem Centre Court war seine Motivation gross genug um den Finalisten von 2010 auszuschalten. Gulbis schlug 30 Asse, drängte seinen Gegner aber vor allem mit starken Returns bei dessen Aufschlag in die Defensive. Die zweiten Aufschläge von Berdych genügten nicht gegen die Returnstärke des 23-jährigen Letten. Berdych gewann nur 24 Punkte von 50 zweiten Aufschlägen (48%).
Im dritten Satz musste Gulbis den Sieg erdauern. Er kam zu zwei Break- beziehungsweise Matchbällen bei 5:4. Sein erster Return kam geradezu auf Berdych zugeschossen. Irgendwie schaffte es der Tscheche dank guter Reaktion aber sein Racket an den Ball zu bringen und konnte mit der Gegenenergie einen glücklichen Gewinnschlag landen. Der zweite Matchball wurde durch Hawk Eye zu Gulbis' Ungunsten entschieden. Hier spielte sich eine kuriose Szene ab, die auf den Bildern 3-6 dokumentiert ist: Gulbis' Vater im schwarzen Anzug hatte angestrengt versucht ruhig zu bleiben. Bei der Hawk Eye-Entscheidung glaubte er zuerst an den Matchgewinn seines Sohnes und explodierte vor Jubel, ehe er seinen Fehler bemerkte.
Schliesslich musste eine dritte Entscheidung im Tie-Break her und zum dritten Mal blieb Gulbis in der Kurzentscheidung siegreich. Das Spiel der nächsten Runde trug er auf Court 17 aus und verlor gegen einen Qualifikanten. Vor dem grossen Publikum auf dem Centre Court überzeugte er. Wenig beachtet auf einem Nebenplatz liess er es wieder schleifen. Was für eine Verschwendung von Talent.

 

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