XXX Olympische Spiele 2012, London

zurück zur Übersicht         Last updated: 09.10.2012

Hockey Herren Gold: Deutschland Silber: Niederlande Bronze: Australien

 

Mit dem Bronzemedaillenmatch im Herren Hockey hatten wir gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Erstens spielten die Briten mit, was eine enthusiastische Stimmung garantierte. Zweitens hatten wir Zugang zum Olympic Park und konnten dort den Rest des Nachmittags und Abends verbringen.

FACT
SHEET


London Overground
Sprechen wir einmal etwas vom richtigen Leben. Sport und Olympische Spiele sind zwar beides grossartige Dinge, aber eine Fahrt am Samstagmittag mit der London Overground vom West Brompton (vom Volleyball in Earls Court) nach Stratford (zum Hockey in den Olympic Park) hat es auch in sich. Da sass erst der Mann mit Bauarbeiterstatur und Tattoos in seinen Dreissigern genau gegenüber von mir. Er ass sein Sandwich, zerknüllte danach das Papier und schob es langsam hinter sich und den Sitz. Ich wollte ihm "I'm sure you're taking your waste with you" sagen, habe es aber warum auch immer nicht getan. Dann war da die blonde Dame mit Sonnenbrille und den gemachten Brüsten, die gegen die vierzig zuging und einem kleinen Jungen den Sitzplatz wegschnappte, als dieser kurz zu seiner Mutter und seinen Geschwistern auf die andere Seite lief. Er blieb dann halt fortan auf Mutters Schoss sitzen. Zwei andere Mütter mit ihren Kindern sassen links von mir. Sie waren dunkelhäutig und mich faszinierte bereits die Kinderdecke mit einer Savannenlandschaft mit Zebras und Giraffen darauf, die über das Mädchen im Buggy gelegt war. Danach spielten sie zusammen das Spiel, welches Tier sie gerne sein würden. Das Mädchen wollte ein Affe sein und der Junge wollte ein Löwe oder ein Puma sein. Gemeinhin schwebt mir als Kindererziehung vor, dass man ein Bilderbuch über einen Bauernhof hat und danach Tierlaute wie Kuh, Ziege, Pferd und Schwein nachmacht. Aber auch im "Dschungel" von London versucht man die Kultur seiner Herkunft zu bewahren und ich finde nichts falsches daran, dies für sich selbst zu tun. Als Aussenstehender ist es mir dafür erlaubt, gewisse Unterschiede oder Klischees ohne Wertung festzustellen und nicht so zu tun, als gäbe es keine.
Und dann war da noch dieses aufgeweckte Mädchen indischer Abstammung mit Brille zwei Plätze rechts von mir und ihr Vater gleich neben mir. Im Alter schätzen bin ich kein Experte, aber sie ging wohl auf das Kindergartenalter zu. Sie hatte diesen reinen, singenden, englischen Akzent und ihr Vater noch den typischen indischen Akzent. Es fasziniert mich wie schnell und unkompliziert Integration funktionieren kann, obwohl das Thema doch immer mit Problemen angehaftet scheint. Ihr Vater wird einerseits sehr stolz auf sie sein und andererseits geht irgendwo doch ein Stück von ihm verloren. Das Mädchen wollte alles wissen und ihr Vater beantwortete ihr fast alle Fragen recht geduldig. Ich habe mir in diesem Moment vorgenommen, dass ich an seiner Stelle versuchen würde, alle Fragen sehr geduldig zu beantworten. Aber sie hatte natürlich auch lustige Fragen auf Lager. "Daddy" fragte sie immer. Wie spät es sei wollte sie wissen. Es war sechs vor eins. Eins vor sechs fragte sie zurück? Nein, sechs vor eins. Sie fragte, ob sie auch so eine Uhr wie er haben darf, worauf er antwortete "but you just lost your watch, didn't you?". "Yes, but I'd like to have a watch with this button and these numbers." Kurz darauf wollte sie nochmals die Zeit ablesen und ihr Vater sagte ihr dann, dass es drei vor eins sei. Völlig wirrt fragte sie "aber vorher war es doch noch sechs vor eins?" und realisierte nicht, warum er ihr jetzt eine andere Angabe machte.
Um doch noch zum Thema Sport zurückzukehren: Die Inder übrigens beendeten das Olympische Hockeyturnier mit sechs Niederlagen aus sechs Spielen auf dem zwölften und letzten Platz. Von 1928 bis 1956 waren sie sechsmal in Folge Seriensieger gewesen. Auch 1964 in Tokio und 1980 in Moskau gewannen sie Gold, wobei der Erfolg von vor 32 Jahren in der damals sowjetischen Hauptstadt die bislang letzte Medaille Indiens war.


Olympic Park
Das Herz der Olympischen Spiele im Londoner Stadtbezirk Newham.


Riverbank Arena
Vor dem Stadion boten holländische Fans ihre Tickets für das Bronzemedaillenmatch zum Tausch an, um von einem Briten ein Finalticket zu erhalten und dort die Oranjes sehen zu können. Mit den fanstarken Niederländern, Deutschen, Australiern und Briten in den jeweiligen Medaillenmatches müsste die Tauschbörse hier eigentlich recht gut funktioniert haben. Bei den Damen und den Herren waren jeweils zwölf Teams mit dabei. Kombiniert waren es aber nur fünfzehn unterschiedliche Nationen. Das zeigt, dass eine (oder zwei) handvoll Nationen das Welthockey bestimmen. Bei den Damen verteidigten übrigens die Niederländerinnen ihren Titel.


1. Halbzeit:   Australien - Grossbritannien   1:1
Die beiden Tore in der ersten Halbzeit fielen nach Strafecken. Vor deren Ausführung ziehen sich die Verteidiger jeweils eine Gesichtsmaske an. Die Australier legten zum 1:0 vor (Bilder 1-2) und die Briten (Bilder 3-5) glichen aus. Zum Ende der Olympischen Spiele scheint jedermann auf der Insel eine Team GB-Flagge oder einen Union Jack zu besitzen (Bild 5).


Australien - Grossbritannien   3:1
Das Feld wird stark gewässert und es scheint sich ein halber See darunter zu befinden. Wenn die Spieler einen langen Ball schlagen, dann spritzt nach Auftreffen des Stocks auf dem Feld eine Wasserfontäne in die Luft. Ein Spiel dauert zwei Halbzeiten à 35 Minuten. Ein Videobeweis ist möglich und die Australier lagen bei allen ihren drei Anfragen richtig. Bei den Feldspielern ist jede Berührung des Balles ausser mit dem Stock ein Fehler. Es lässt sich nur eine Seite des Stocks richtig spielen. Deshalb laufen die Spieler auch häufig kleine Kurven, um ihren Körper in die richtige Position zu bringen. Wie im letzten Jahr bei der Floorball-WM habe ich auch bei dieser Sportart das Gefühl, dass sie erst richtig gefährlich und verletzungsanfällig wird, wenn man das Spiel nicht absolut beherrscht. So ein Stock zwischen den Beinen oder im Gesicht bereitet einem wahrlich keine Freude.


Jubelszenen
Seit zehn Jahren gehen die Olympischen Goldmedaillen und Weltmeistertitel entweder an Deutschland oder Australien. Da die gruppenersten Australier im Halbfinale an den gruppenzweiten Deutschen scheiterten, blieb für sie nur noch die Bronzemedaille übrig. Aber auch diese muss zuerst gewonnen werden und vor vielen Fans eigenen macht ein Sieg natürlich immer Spass.


Olympic Park - Park Live - Mo Farrah
Nach dem Ende des Hockeymatchs blieben wir noch im Olympic Park und sahen uns vor dem Grossbildschirm an wie Mohammed Farrah über 5000 Meter sein zweites Gold gewann. Bei der anschliessenden britischen Nationalhymne sang ich leise mit. Ich weiss nicht, ob es Michael neben mir auch getan hätte, wenn ich nicht vorgelegt hätte. Leise mitgesungen hatte ich auch bei der amerikanischen Nationalhymne im Fussball. Und das hätte ich auch bei der chinesischen Nationalhymne beim Tischtennis getan, wenn ich den Text und die Melodie gekannt hätte. Das hat bei mir mit Respekt für die Leistung des Olympiasiegers zu tun und dem Stolz, den jeder auf seine Heimat haben soll und darf. Nationalhymnen haben so etwas ehrenvolles an sich.


Olympic Park - Park Live - Tom Daley
Michael wollte sich unbedingt diesen Tom Daley anschauen vom 10 Meter Turm. Wenn es um Wasserspringen geht, dann steht bei mir eher Tania Cagnotto hoch im Kurs. Aber nun gut. Der 18-jährige Daley ist seit seinem Weltmeistertitel, den er sich 2009 als 15-jähriger in Rom geholt hatte, ein absoluter Liebling der Briten. Er gewann Bronze hinter dem grossen Favoriten Bo Qiu aus China auf dem Silberplatz und dem überraschenden Olympiasieger David Boudia aus den USA.

Usain BoltMo Farah
Olympic Park - Usain Bolt & Mo Farah
Dieser Samstagabend als vorletzter Tag von London 2012 war wirklich ein schöner Tag. Wenn ich in meinem mir selbst auferlegten gedrängten Terminplan etwas Zeit zum Geniessen habe, dann brennen sich diese Momente bei mir wie kleine Oasen der Erholung ins Gedächtnis ein. Das Verlassen des Olympic Parks war ein wirklich spezielles Gefühl. Und die spontane Darbietung der Polizisten (Bilder 7 und 8) drückte die Freude und Begeisterung aller über diese zwei Wochen aus.

 

Herren

 
Gold Medal Match:   Deutschland - Niederlande     2:1

Bronze Medal Match:   Australien - Grossbritannien   3:1    

 

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